Auf 6 Beinen durch die Welt …

Langsam fahre ich durch den kleinen Ort Eichgraben, auf dem Weg in die Redaktionssitzung nach Maria Anzbach. Mein Blick ist auf die Straße gerichtet, aber die Gedanken arbeiten schon am neuen WUFF. An diesem WUFF. Wie immer gibt es eine Fülle von Themen, aber noch fehlt irgendetwas Besonderes … Da fällt mein Blick auf einen Wanderer, der ein Gepäckwägelchen vor sich herschiebt und auf einen Hund an seiner Seite. Nun, Wanderer sind in dieser Gegend nicht ungewöhnlich, zieht doch der europäische Weitwanderweg E4 hier entlang. Aber dieses „sechsbeinige Wander-Paar“ kommt mir irgendwie bekannt vor. Ja – genau, das ist doch der Wanderer mit der Husky-Hündin, über den wir in der Märzausgabe von WUFF einen kurzen Bericht gebracht haben.

Ich parke mich weiter vorne ein. Bevor ich auf den Wanderer und seinen Hund zugehe, schaue ich noch kurz ins März-WUFF, damit ich ihn mit seinem Namen ansprechen kann: Gianluca Ratta. Und als ich das tue, schaut er verblüfft. Das hatte sich der Wandersbursch wohl nicht gedacht, auf seiner Etappe von Wien nach Neulengbach, wo er am Bahnhof im Schlafsack die Nacht verbringen wollte, mitten auf der Straße in Eichgraben mit seinem Namen angesprochen zu werden.

Die Nacht im WUFF-Büro
Wir kommen ins Gespräch und ich dann auf die Idee, ihm statt des Bahnhofes das Büro in Maria Anzbach zum Schlafen anzubieten. Und da würde sich ja auch die Gelegenheit für ein gemeinsames Abendessen ergeben, bei dem er sicher viel zu erzählen hätte. Gesagt, getan, eine Stunde später ist er die 3 Kilometer in die WUFF-Redaktion gewandert, wo nun eine Redaktionssitzung der besonderen Art stattfindet. Keine Diskussionen, welches Thema (wieder einmal) aus Platzgründen verschoben werden muss, oder Berichte über Recherchen, Anfragen und Reaktionen. Sondern vielmehr ein interessanter Abend mit vielen Erzählungen.

Die Welt erwandern
Gianluca stammt aus Turin, wo heute noch seine Familie lebt. Die Abenteuerlust hat ihn vor zwei Jahren gepackt. Damals hatte Gianluca tagsüber in einer Speckfabrik in Trentino in Südtirol gearbeitet und abends Biologie studiert. Und plötzlich wusste der heute 30-Jährige, dass er so nicht weiterleben wollte. Er wollte die Welt erleben, sie gleichsam unter seine Füße nehmen, sie erwandern und über seine Erlebnisse und Empfindungen schreiben. Vielleicht später einmal sogar ein Buch. So kündigte er seinen Job und plante seine erste Wanderschaft. Diese führte ihn im Jahre 2000 in 203 Wandertagen die Umrisse Italiens entlang über 7634 Kilometer, wofür er 3 Paar Schuhe verbrauchte. Unterwegs, es war in Sizilien, fand er Shira, eine Husky-Mischlingshündin, die seit damals ununterbrochen seine vierbeinige Begleiterin ist.

Seine zweite Wanderung im Jahre 2001 vom 1. Juni bis 9. August erstreckte sich 1566 Kilometer über die Alpen. Damit hatte er sich bereits insgesamt 9200 km erwandert, wobei er dieses Mal mit nur einem Paar Schuhe auskam.

Seine dritte und jetzige Wanderung begann Gianluca am 1.1.2002 in Genf, wohin er im Juli oder August dieses Jahres wieder zurückkehren will. Österreichischen Boden betrat er am 1. Februar bei Regen und Nebel. Über Innsbruck wanderte er nach Lienz in Osttirol, und weiter ging es über Klagenfurt, Graz und Eisenstadt nach Bratislava. Nach dem Abstecher in die Slowakei ging es weiter nach Wien, und auf seinem Weg von dort nach Neulengbach wurde er – bei starkem Gegenwind – von WUFF „aufgegriffen“. In Maria Anzbach steht er nun bei 1.909 Kilometern seit Beginn dieser Wanderung, und somit insgesamt bei 11.109.

In der Redaktion von WUFF ruht er sich nun aus von seinen Strapazen und erzählt uns von seinen Wanderungen und seinen Träumen. Üblicherweise wandert er 5 Tage pro Woche und erholt sich am Wochenende. Er lebt praktisch von der Hand in den Mund. Gegen Ende eines Tages kümmert er sich meist darum, einen Platz zum Schlafen zu finden. Entweder übernachtet er auf dem Bahnhof, oder er fragt Menschen, die ihm begegnen, ob er für eine Nacht in ihrer Garage nächtigen dürfe. Nicht immer bleibt es dann bei einer Garage, freundliche Menschen bieten ihm schon auch mal ein Bett und ein Essen an, gelegentlich auch ein Zimmer in einer Pension. Aber es gibt auch die anderen, die Unfreundlichen, Ängstlichen oder besonders Vorsichtigen, bei denen die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt …

Ohne Kompass und Navigationssystem
Die Pfoten von Shira cremt er täglich ein, und für seine nächste Wanderung will er seiner Hündin Booties machen lassen. Pro Tag wandert er etwa 10 – 11 Stunden und kommt auf durchschnittlich 40 Kilometer. Seine etwa 40 kg Gepäck führt er auf einem Trolley mit sich, einem kleinen Gepäckwägelchen, an dessen rechter Seite Shira angehängt ist. Deshalb wandert er stets auf der rechten Straßenseite,um Shira gegen den Verkehr zu schützen, was ihm in Österreichaber bereits mehrmals einen Vorwurf von Polizei und Gendarmerie eingetragen hat. In Kärnten, berichtet er uns, wurde er sogar mehrmals aufgehalten, und man habe seinen Pass kontrolliert.

Mit sich führt er nur verschiedene Landkarten, sonst nichts. Keinen Kompass, keinen Computer, kein Navigatonssystem GPS. Er habe ein gutes Orientierungsvermögen, und wenn er nicht weiter wisse, frage er die Menschen, erzählt er uns. Überhaupt blüht er in dem Moment auf, als wir gemeinsam Landkarten und Stadtpläneanschauen. Man spürt, das ist seine Welt, das ist die Welt, die er sich erwandert hat und wo seine Visionen liegen.

Wechselhaftes Wanderleben
Er legt großen Wert darauf, dass er kein Läufer, sondern ein Wanderer ist. Beim Laufen übersähe man die kleinen Tiere am Wegesrand oder Blumen und andere Schönheiten, man liefe an der Natur vorbei. Und diese Natur ist in Wahrheit seine große Welt … Er will sie er-leben, die Länder und die Städte. Begegnungen mit anderen Menschen, zugleich aber auch seine eigene „Solitude“, seine Einsamkeit, die nur Shira mit ihm teilen darf.

Es sei nicht immer das tolle Erlebnis, erzählt er uns in holprigem Englisch, manchmal wache er mit einem Lächeln auf, aber es gäbe auch Tage, wo er sich nicht so super fühle. So wie das Leben eben ist, pulsierend, ein Auf und Ab. Ob er ein moderner Vagabund sei? Nein, als Vagabund sieht er sich nicht, denn er habe ja Ziele und Visionen und sei also kein Landstreicher. Man könne ihn aber auch nicht als weltfremd bezeichnen, führt er doch ein Radio und ein Handy mit sich. Er liebt es, Musik zu hören, und einmal pro Woche gibt es ein Telefonat mit seiner Familie in Turin. Auf die Bemerkung, dass es da wohl immer viel zu erzählen gebe, meint er nur: „Nein, sie fragen meist nur, wie es Shira geht …“.

Sponsoren und Partner
Wie sich diese Reise finanziere, wundern wir uns. Schlafplatz und Essen erhalte er oft von den Menschen, die ihm begegnen, und manchmal gehe es ihm besser, manchmal weniger gut. Die Schuhe sponsert ihm die italienische Sportschuhfirma Lizard. Da hat er mittlerweile insgesamt bei allen Wanderungen 4 Paar verbraucht. Dann erhält er noch Material von den Firmen Kodak, Epson und Ferrio, einer italienischen Outdoor-Ausrüstungsfirma.

In der WUFF-Redaktion tobt seine Shira abends stundenlang mit Redaktionshund Toni herum, man wundert sich, dass die Hündin am Ende des Tages nicht schon sehr müde ist. Wir reden beim Essen über seine Pläne, die er für kommendes Jahr bereits eifrig schmiedet. Eigentlich bräuchte er ja drei Leben, meint er. Er will am 1. Jänner 2003 eine sieben (!) Jahre dauernde Wanderung beginnen, die ihn die Umrisse Europas entlang führt. Nicht die der EU, sondern die ganz Europas!

Mit seiner Wanderung will er sich darüber hinaus in das Guinnessbuch der Rekorde bringen. In jeder größeren Stadt seiner Reise, wie etwa Wien, St. Pölten, Amstetten, Linz und Salzburg, besucht er daher das Büro des Bürgermeisters und lässt sich mit dem Stempel eine Bestätigung seiner Anwesenheit geben. Einen ganzen Packen solcher Papiere kann er bereits vorweisen. Der Abend wird sehr spät, und schließlich zieht er sich ins WUFF-Büro in seinen Schlafsack zurück, Shira neben sich eingerollt.

Verwöhnt von Eukanuba
Am nächsten Morgen heißt es nach einem guten Frühstück mit einem feinen Espresso wieder Abschied nehmen. Als er die WUFF-Redaktion verlässt, um weiter nach St. Pölten zu wandern, ist sein Gepäckswägelchen um einige Kilogramm schwerer, gefüllt mit diversen Nahrungsmitteln, Hundefutter und Getränken – und einem kleinen Sponsorbetrag für die nächsten Tage … Vielleicht gönnt er sich ja auch mal ein Hotelzimmer.

Wir führten inzwischen Telefonate mit Freunden und Bekannten in Städten, die auf seiner Route liegen, und so wurde Gianlucca schon am nächsten Tag von Christa Rohrmanstorfer von Eukanuba auf seinem Handy angerufen, dass man sich um ein Zimmer für ihn kümmern werde, sobald er in Linz einträfe. Offensichtlich wurde er – bzw. seine Shira – dort derart verwöhnt, dass er einen Tag länger blieb … Oder trug auch dazu bei, dassman mit ihm in Italienisch parlieren konnte? Und da Gianluca zur Dokumentation seiner Reise über jede mediale Beachtung dankbar ist, verhalf ihm Eukanuba zu guter Letzt noch zu einem Kontakt mit den Oberösterreichischen Nachrichten, die am 15.3.2002 einen Artikel über ihn brachten unter der Schlagzeile „Italo-Marathonwanderer will ins Guinness-Buch“. Und auch WUFF ließ sich medial nicht „lumpen“ und organisierte einen Kontakt mit dem ORF-Landesstudio Salzburg. Schließlich liegt die schöne Mozartstadt ebenfalls auf seiner Route.

Woher, wohin, warum?
Es sind Begegnungen mit solchen Menschen, die einen auch selbst immer wieder innehalten und nachdenken lassen, über das Woher, das Wohin und das Warum …Auch wenn man Gianlucas Weg bewundert, selbst gehen würde man ihn nicht wollen. Und warum sollte man auch den Weg eines anderen gehen, wo wir alle doch unseren eigenen Weg haben. Und jeder muss die Fragen für sich selbst beantworten nach dem Woher, Wohin und Warum.

Aus WUFF-Ausgabe 2002-05