Ich liebe alle Hunde, aber mein Herz gehört dem Bobtail. Mag man mich und all' die anderen Halter, die in dieser Rasse den Hund für ihre Seele gefunden haben, auch mitleidig belächeln ob unseres wunderlichen haarigen Ungetüms, so bekennen wir uns doch zu dieser liebenswerten und vielseitigen Rasse.
Es fällt immer wieder auf, dass kaum jemals Bobtailhalter in der „Hundeszene" oder bei Diskussionen um „Hundeprobleme" in Erscheinung treten. Mit einem Bobby in den richtigen Händen gibt es offenbar keine Probleme. Also ist die Bobtail-Welt in Ordnung?
Mitnichten. Beim Thema Bobtails im Schutzdienst gingen die Emotionen hoch (s. WUFF 11/01). Die Reaktionen, die ich schon während meiner Recherche erlebte, waren überwiegend ablehnend dem Schutzdienst für den Old English Sheepdog gegenüber. Allerdings nur mündlich, denn Viele waren nicht zu einer Publikation ihrer Meinung bereit. Der deutsche Club für Britische Hütehunde gab zwar eine wohlausgewogene Erklärung ab, die u. a. besagt, dass man den Hund nicht zum Sportgerät degradieren dürfe, was ohnehin ethisch nicht vertretbar ist, konnte sich aber - im Gegensatz zum 1. Österreichischen Old English Sheepdog Club - nicht zu einer eindeutigen Stellungnahme durchringen. (Der Text ist im Internet unter: www.delightful-fellow-oes.de/SchH-OES.htm zu lesen.) Die renommierte Wissenschaftlerin Dr. Dorit Urd Feddersen Petersen bezieht in ihrem Artikel (siehe Kasten) hingegen klar zu diesem Thema Stellung.c
Schutzhund oder Nanny-Dog?
Der „Schutzhundesport" in Privathand ist sehr umstritten, und häufig haben Gegner mit Repressalien zu rechnen, bis hin zu telefonischen Morddrohungen! Im Verlaufe meiner Recherchen wurde mir klar, dass das schöne Bild von „Spaß und Beutespiel" täuscht. Denn Viele arbeiten einen für den Schutzhundesport ungeeigneten Hund rein über den Wehrtrieb, womit oft in Wirklichkeit Angstbeißer heran erzogen werden.
Ich frage mich: Warum soll diese herrliche Rasse Bobtail, bei entsprechend sorgfältiger Zucht auf festes Wesen hin und bei richtiger Prägung und Sozialisierung in verantwortungsbewussten Händen prädestiniert zum Familienhund und „Nanny-Dog", dazu gebracht werden, in etwas hinein zu beißen, das sich am menschlichen Körper befindet? Haben wir nicht schon im Alltag Hundehysterie genug? Freuen wir uns, dass es noch Hunde gibt, die nicht dem menschlichen Ehrgeiz im Kampf um Pokale geopfert werden!
>>> WUFF - DISKUSSION
Beiß, Bobby, beiß?
Als Bobtailzüchter und als Vorstand des Ersten Old English Sheepdog-Clubs kann ich mir nicht vorstellen, dass ein verantwortungsbewusster Bobtailhalter mit seinem Bobby zur Schutzarbeit geht. Sollte ein Verein oder Abrichter Bobtails zur Schutzarbeit zulassen, würden wir gerne mit diesen Personen ein Gespräch über Herdenschutzhunde führen. Ein Bobtail hat bei der Schutzarbeit nichts verloren.
Alfred Berger
Obmann des 1. Österr. Old English Sheepdog Club, A-3124 Oberwölbling
>>> WUFF - DISKUSSION
Schutzdienst abschaffen
Nach jahrelanger Erfahrung mit Schutzdienstausbildung verschiedener Rassen, auch Bobtail, Beardies und Collies, komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass es an der Zeit ist, den Schutzdienst für Sporthunde abzuschaffen. Es gibt heute glücklicherweise so viele Sport- und Ausbildungsmöglichkeiten, dass der Schutzdienst der Polizei vorbehalten bleiben sollte. Zudem gibt es nur wenige gute Schutzdienstausbilder und wenige dazu geeignete Hunde.
Mathilde Jahn-Thedieck
D-31812 Bad Pyrmont
>>> WUFF -DISKUSSION
Neue Verpackung - alter Inhalt!
Der SV hat eine neue Wortwahl für eine alte, immer heiß diskutierte Sportart getroffen. Schutzhundesport wird ersetzt durch Vielseitigkeitssport. Wir bekommen erklärt, dass bei dieser Sportart das erlernte Beißverhalten nur umgesetzt wird, wenn auch der Ärmel als Beißobjekt vorhanden ist. Und genau da liegt das Ungemach! In nur wenigen Fällen ist das korrekte Beißen zu beobachten. Die sogenannte Schutzdiensttauglichkeit setzt ein Höchstmaß an Verlässlichkeit und Kontrollierbarkeit voraus. Ist eine dieser Komponenten zweifelhaft, kann es zu gefährlichen Ausfallerscheinungen in die eine oder andere Richtung kommen. Auf Hundesportplätzen sollte der Schutzhundesport als Komponente des Vielseitigkeitssports ersatzlos gestrichen werden. Es gibt sicher andere Alternativen, um seinem Hund ein Beutespiel „schmackhaft" zu machen. Somit wird das Risiko einer falschen Ausbildung, die oft auch falsche Methoden beinhaltet, grundsätzlich ausgeschlossen. Ich kann mich den Aussagen der Diensthundeführer nur anschließen, Bobtails, die hier zur Diskussion stehen, von der Schutzarbeit auszuschließen. Ich meine, machen wir nicht mit aller Macht unsere Hunde zum Popanz, bieten wir ihnen eine Beschäftigung an, die ihren genetisch angelegten Fähigkeiten entspricht.
Ilselore Lehn
D-26842 Ostrhauderfehn
>>> WUFF - EXPERTENMEINUNG
In der Novemberausgabe erschien in WUFF das Ergebnis einer Recherche, die der Frage nachging, ob der Old English Sheepdog für den Schutzhundesport geeignet sei. Das Thema hat äußerst grosses Echo ausgelöst. Im Folgenden ein Artikel der bekannten Ethologin und Verhaltensforscherin Dr. Feddersen-Petersen von der Universität Kiel.
Die Expertin:
Schutzdienst für Bobtails?
von Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen
Die Idee, Bobtails zur Zuchtzulassung bzw. „sportlich" im Rahmen des Abschnitts Schutzdienst zu konditionieren, erscheint mir geradezu abstrus. Die Old English Sheepdogs, leider zunehmend nicht allein in England in Mode gekommen, was diesen vorzüglichen Hüte- und Treibhunden doch nur schaden kann, verfügen über außerordentliche Vielseitigkeit und eine enorme Anpassungsfähigkeit - Eigenschaften, die für zotthaarige Schäfer- und Hirtenhunde ja allgemein Legende sind.
Sie waren Arbeitshunde, wurden nach Kriterien ihrer Gebrauchstüchtigkeit gezüchtet, bestachen durch enorme Eigenständigkeit und verfügten über ein differenziertes Sozialverhalten, ausgeprägte Lernfähigkeit sowie exzellente Gedächtnisleistungen. Das ist prinzipiell auch heute der Fall.
Keine Show-Hunde züchten!
Streng zu vermeiden ist zunehmende Zuchtauswahl in Hinblick auf das Extérieur (es sollte keine Selektion von „Show"-Bobtails geben!). Zu vermeiden ist nach meiner Überzeugung auch die Ausübung des Schutzdienstes mit Bobtails. Bobtails sind weder Hunde der Polizei, noch der Armee oder des Zolls - wozu soll die Schutzdienstausbildung gut für sie sein?
Verhaltensüberprüfungen als Selektionskriterium
Um ein ausgewogenes Verhalten von Tieren einer Rasse zu erhalten, werden zukunftsweisend Verhaltensüberprüfungen als Kriterium der Zuchtauswahl dienen müssen. Diese Verhaltenstests sollten so objektiv als möglich und in Hinblick auf ihr erklärtes Ziel sinnvoll, wenn überhaupt aussagekräftig, sein und überprüft gültige Aussagen erlauben (Validität). Solche Tests in Hinblick auf die Prüfung des hundlichen Verhaltens zu erarbeiten ist deshalb so schwierig, da das sichtbare, messbare Verhalten sich so außerordentlich vielursächlich entwickelt (s. Hunde und ihre Menschen, Feddersen-Petersen, 2. Aufl. 2001).
Soziale Verträglichkeit
Das Sozialverhalten der Bobtails, ihre soziale Verträglichkeit (resultierend aus ihren Möglichen, soziale Strategien der Konfliktlösung zu entwickeln und zu kooperieren) sind wichtige Kriterien, sie gilt es zu erhalten bzw. zu fördern. Zudem ist auf die den belastbaren wie sozial anpassungsfähigen Hunden eigenen Hüteeigenschaften Wert zu legen.
Bobtails sind ja sehr sensible Hunde mit besonderen Fähigkeiten (Hüten auf begrenzter Fläche und Treiben von Pflanzenfressern oder anderen Tieren über Wege und Plätze), die, will man sie erhalten, auch in heute sinnbringender Weise ausgelebt werden müssen.
Also, zu fordern sind Verhaltens- und Arbeitstests zur Zuchtauswahl für Bobtails. Zudem wäre, wie auch für andere Rassen, eine Zuchtwertschätzung für bestimmte Verhaltensmerkmale in Erwägung zu ziehen.
Bobtails sind aufmerksam und agil (der ungetrübte Blick sollte durch Abschneiden der Augengardine ermöglicht werden!), sie vermögen andere Lebewesen exakt und schnell einzuschätzen, arbeiten ruhig und selbständig. Und was sollen sie heute hüten?
Herausforderung Arbeit
Es gilt in vielen Fällen, modifiziert mit ihnen zu arbeiten. Die Hüteanlagen sind hilfreich dabei. Bobtails leisten als Partnerhunde für behinderte Menschen beste Dienste, können Blinden- und Rettungshunde sein. Die Herausforderung der Arbeit brauchen sie, der geistigen, psychischen wie physischen Forderung bedürfen sie, um ausgeglichene Begleithunde zu sein. Auch in verschiedenen hundesportlichen Aktivitäten, wie Agility, Breitensport, Flyball oder Gehorsamsübungen und Fährtenarbeit stechen Bobtails immer wieder durch besondere Leistungen hervor. Wenn diese Übungen auch das Hüten und die Anforderungen daran nicht vollständig ersetzen können, sind sie zum Ausgleich für Hunde zu empfehlen, die als Begleithunde gehalten werden.
Warum kein Schutzdienst?
Warum sollen Probleme für die Bobtails geschaffen werden, die es bis dato nicht gibt? Das Aggressionsverhalten ist für viele Hundehalter und Ausbilder immer noch ein wenig verstandener Verhaltensbereich, in dem mit „Aggressionstrieb", „Beutetrieb" und „Wehrtrieb" jongliert wird. Und ich vertrete die Auffassung (es ist eine Hypothese, an den „harten" Daten zum Schutzdienst wird noch gearbeitet), dass die Auslösemechanismen des Beutefangverhaltens, dessen Sequenzen von Hunden in beliebiger Reihenfolge gezeigt werden können, mit Situationen, Bewegungen, Handlungen assoziiert werden können, die dem Ausbilder in aller Regel gar nicht einmal bewusst sind, vielleicht auch gar nicht sein können. Gerade im Bereich Aggression / Angst gibt es etliche höchst problematische, unerwünschte Generalisierungen und Assoziationen. Aus diesen Lernprozessen können sich sehr ernsthafte Probleme in der Beziehung zum Menschen entwickeln.
Gegen „Elektrokommunikation"
Zudem wird leider immer wieder mit sog. Starkzwang (Stachelhalsband, Schläge, Elektroreizgeräte) nachgeholfen, wenn Hunde nicht beißen wollen. Dann beginnt ein hochgefährlicher Prozess, so meine Auffassung. Die Instanz Mensch versagt immer wieder, benötigt Projektionen und instrumentalisiert. Und dieser Bereich ist diesbezüglich sehr sensibel. Zumal das sog. E-Gerät wieder „voll rehabilitiert" ist. Wehe dem, der ein Statement gegen diese Möglichkeit zur „Elektrokommunikation" zu sagen wagt. Da mag er noch so sauber recherchieren. Er wird spüren, dass er gegen eine Mauer läuft, die sehr schmerzt. Und er wird sehr allein sein, Hilfe gibt es von keiner Seite. Beim E-Gerät wird taktiert. Halt, mit einigen Freunden kann ich trefflich streiten. Mit Markus Rogen habe ich etliche verbale wie zu Papier gebrachte Auseinandersetzungen konstruktiv - und mit Humor - ausgetragen, mit Günter Bloch und Doris Baumann auch. Der Humor versagt ansonsten zumeist kläglich, wenn´s um das „Elektro-Kommunizieren" geht. Und das sagt uns ja auch sehr viel …
Zu den Bobtails: Wozu wollen wir ihnen und uns diese Probleme schaffen? Im Rahmen der Schutzhundeausbildung und -zucht werden wir uns damit auseinanderzusetzen haben, unsere Gruppe in Kiel erarbeitet seit Jahren ein Testverfahren. Bobtails sollen Old English Sheepdogs bleiben!
Die Autorin
Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen
Institut für Haustierkunde
Christian-Albrechts-Universität
D-24118 Kiel.
Dieser Artikel erscheint in WUFF mit freundlicher Genehmigung des Hamburger Tierschutzvereines.