Hunde als Persönlichkeiten:

Der Maler Heinrich von Zügel

Aus den Nebeln eines kalten Herbstmorgens schreitet ein Dreiergespann gelber Zug-ochsen vor dem Pflug, ihre mächtigen Leiber verdecken den Bauern fast, der den Pflug führt, ihr schwerer Atem steht als weißer Hauch in der kalten Luft, aus den Schollen steigen dünne Feuchteschwaden. Im Hintergrund steht der Ackerwagen, den die Ochsen bis an den Feldrand gezogen haben. Drei schwarze Vögel verschwimmen im Morgendunst. Es ist, als kämen die ziehenden Ochsen aus der Morgendämmerung der Frühzeit, als der Mensch eben gelernt hatte, einen Acker zu pflügen, sie gleichen antiken Tiergöttern, unvergänglich wiederkehrend, die ihren Pflug immer weiter und weiter ziehen. „Schwere Arbeit,“ heißt das berühmteste Bild des bedeutendsten Tiermalers der europäischen Kunstgeschichte, Heinrich von Zügel. Er hat an den sechs Fassungen seines größten Werkes fast durch sein halbes Künstlerleben gemalt, beginnend 1909, nach seinen ersten wochenlangen Wanderungen durch die Steiermark. Man kann vermuten, dass die drei Ochsen auf den letzten eindrucksvollsten Fassungen gelbfarbene Murbodner sind, die er in der Steiermark vor 100 Jahren überall bei der Arbeit gesehen hat. Einst waren sie die zweitgrößte Rinderrasse Österreichs, heute muss man sich in der Steiermark um die Erhaltung ihrer Reste bemühen.

Ausnahmeerscheinung
Heinrich von Zügel ist schon wegen des imposanten Umfangs seines Werkes, das 1.135 Titel umfasst und ausschließlich Tiere – und da wieder überwiegend Haus-und Nutztiere darstellt –, in der europäischen Kunst eine Ausnahmeerscheinung. Er ist es auch, weil kein Maler seit den Schöpfern der vorzeitlichen Höhlen- und Wandmalereien Tiere so wie er in den Mittelpunkt eines Gesamtwerkes gestellt hat. Für ihn waren vor allem Arbeitsrinder, daneben Schafe, nach Studienaufenthalten in Belgien auch Esel – und Hunde – die wichtigsten Motive, sie in dreifachen Bezügen. Er hat Hunde als „landwirtschaftliche Subunternehmer“ gemalt, nämlich als Hüte- und Schutzhunde für die Schafherden, die den breitesten Raum in seinem Werk einnehmen, als Jagdgehilfen, aber auch als selbstständig handelnde Gegenüber der Jäger – und als schließlich Gefährten seines langen Lebens. Zügel ist 90 Jahre alt geworden.

Hunde als Partner seines Alltags und seines Malens
Geboren wurde er am 22. Oktober 1850 in Murrhardt in Württemberg als Sohn des Schafhalters Ludwig Zügel. Seine Kindheit verbrachte er vor allem bei der Schafherde des Vaters und als Hirt, zusammen mit den Hütehunden. Im Grunde ist er dort auch geblieben, die Schafherden, die er als schnell bekannt werdender Maler und Professor an den Kunstakademien in Karlsruhe und München nicht mehr selbst halten konnte, malte er sich. Hunde dagegen hatte er immer, auch weil er Jäger war. Doch vor allem hatte er sie als Partner seines Alltags und seiner Arbeit als Maler. Seine ersten Erfolge von 1871/72 hießen „Schafschur, Schafwäsche und Schafmarkt“ und gehörten zu den Kunstereignissen der Weltausstellung in Wien 1873. Sie leiteten den ersten Abschnitt seines Malerlebens ein – den des „Malers der Schafe und der Schäferhunde“, der erstum 1890 von dem dann folgenden Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit, den Rindern, vor allem den Arbeitsrindern, abgelöst wurde. Mit allen seinen Motivgruppen ist Zügel heute auch ein einzigartiger Chronist untergegangener Haustierrassen und der Arbeit, die der Mensch mit ihnen und durch sie bewältigt hat, oft genug leidvoll und vom biblischen Fluch schwerer Arbeit bestimmt, den der Mensch an die Tiere weitergegeben hat.

Hunde in der europäischen Kunstgeschichte
Die europäische Kunstgeschichte ist mit Hundebildern reich versehen, vor allem seit mit der Renaissance die Malerei immer mehr zum Mittel persönlicher Selbstdarstellung und der Demonstration von Macht, Geltung (dann auch von Geld) und individueller Schönheit wurde. Vornehme Windspiele oder mächtige Wolfs- und Jagdhunde waren als Dekoration und Demonstrationsmittel adeliger Exklusivität und vor allem fürstlicher Macht und militärischer Größe ebenso unentbehrlich wie vornehme – und teure Salon- und Schoßhunde zur Betonung weiblicher Schönheit und ihrer Kleiderpracht. Doch die meisten dieser Hunde, selbst wenn sie mit Kindern dargestellt werden, erscheinen nicht als lebendige Tierpersönlichkeiten, sondern als Dekorationen, die in Posen erstarrt sind und nur den Daseinszweck haben, die Größe der Dame oder des Herrn zu untersteichen, denen sie dienen.

Davon ist auf den Hundebildern von Zügel nicht das Mindeste zu finden. Seine Hüte-, Hof- oder Dorfhunde, kaum weniger die Jagdhunde, sind zwar ihrem Herrn, aber vor allem ihrer Aufgabe untergeordnet, die sie gleichsam „aus eigener Kompetenz und in eigener Zuständigkeit“ als Partner ihres Herrn erfüllen, der ihnen Informationen gibt und mit dem sie sich abstimmen. Ihre „Befehle“ geben sie sich dabei selbst. Zügels Hunde sind – ähnlich wie die von ihm so unermüdlich gemalten Arbeitsrinder – „Familienhunde“. Dies aber nicht in dem heute gängigen Sinne, sondern als Mitglieder der römischen „familia“, zu der alle gehören, die gemeinsam Aufgaben erfüllen und zusammenarbeiten.

Unter dem Geleit der Hunde
Eines der ansprechendsten Bilder, ein Alterswerk von 1921, zeigt das besonders eingängig. Zügel hat es „Kalter Winterabend“ genannt: Vor einem erleuchteten Haus mit verschneitem Dach und auf dem vielleicht ersten Schnee eines frühen Winters drängt sich in der Kälte eine Schafherde aneinander, die Schafe wärmen sich gegenseitig. Ihren Besitzer kann man in dem erleuchteten warmen Haus vermuten. Ein großer schwarzer Hütehund beobachtet und dirigiert die Herde. Er hält den Blick auf das helle Fenster gerichtet, hinter dem er seinen Herrn weiß, aber er weiß auch ohne ihn, was er zu tun hat. Ähnliche Motive kehren bei Zügel einige Male wieder. Schafherden in früher Winterdunkelheit und auf Frostschnee waren des öfteren seine Motive. Auf einem besonders eindrucksvollen Bild drängen die Schafe in einem losbrechenden Wintersturm eilig zu ihrem Stall. Einer der beiden Hunde geht ihnen seitlich voran und sorgt dafür, dass sie auf dem Zugang bleiben, der zweite folgt dem Schluss der Herde und wacht darüber, dass sich kein Schaf verliert, während die ersten unter dem Geleit der Hunde bereits den schützenden Raum erreicht haben. Einen dirigierenden Schäfer zeigt das Bild nicht.

Hunde unter Hunden
„Hunde unter sich“ hat Zügel gleichfalls häufig gemalt. Die Hunde sind Teil einer Arbeits- und Erwerbspartnerschaft mit dem Menschen, zugleich aber auch Teil einer in sich autonomen Hundegesellschaft des Dorfes oder der Landschaft, in denen sie leben, mit ihrer eigenen Hierarchie, in der jeder Hund seine Position hat, die er behauptet, die er aber auch verändern kann und in der Rivalitäten ausgetragen werden. Die Hunde im Werk von Zügel sind Hunde und leben als Hunde. Sie sind keine in ein Fell verkleideten und auf vier Beinen laufenden „Menschen“. Der Maler hat keinen Hund „vermenschlicht“, den er in seiner Beziehung zum Menschen gemalt hat.

Dackel – die „Innovation der Genetik“ im 19. Jahrhundert
Der damals in Deutschland bedeutendste Kunstförderer, Prinzregent Luitpold von Bayern, hat den Jäger Zügel oft zu seinen Hofjagden eingeladen. Die Einladungen galten auch für seine Jagdhunde, besonders seine Dackel. Zusammen mit seinen Jagdbildern hat er sie in Porträts festgehalten. Auch arten- und rassengeschichtlich sind seine Hundeporträts, ganz besonders die Bilder seiner Dackel, von hohem Wert. Sie zeigen, wie sich die in der Schaffenszeit Zügels noch sensationell neue Dackelrasse seither verändert hat, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch spontane Mutation entstand. Hinter dem Eintritt des krummbeinigen Dackels in die Wirklichkeit und die unendliche Vielfalt der Hundewelt hat kein züchterischer Wille gestanden. Er war auf einmal da. Bemerkenswert vor allem, wie robust die Dackel auf den Bildern von Zügel erscheinen. Eigensinnig und souverän über sich selbst, auch unbegrenzt individualistisch, sollte jeder sein. Auf den Jagdbildern mit Dackeln wird deutlich, dass diese so unerwartet auf der Bühne der Wirklichkeit erschienene „Innovation der Genetik namens Dackel“ – zu Zügels Lebzeiten war die Bezeichnung „Dachshund“ gebräuchlicher – auch neue Formen der Boden- und Erdjagd möglich gemacht hat.

Bekass – Zügels Hundedynastie
Für seine Hundepartner des Alltags und der Arbeit als Maler und die Hundedynastie, die er aus ihnen entstehen ließ, fand er einen eigenwilligen Geschlechternamen: Bekass, nach den Bekassinen, einer kleinen Schnepfenart, die für den Jäger Zügel zu seinen liebsten Wildvögeln gehörten. Sein Leben wurde viermal von einem „Bekass“ begleitet. Jedem hatte er wie den Mitgliedern fürstlicher Dynastien Namensziffern zugeordnet,von Bekass I bis Bekass IV, als letztem. Auf den Porträts seiner Hunde, die zu den Spitzenwerken seiner Malerei gehören, sieht man stämmige, auch massige Vorstehhunde, die große Körperkraft, aber auch große Gefühlskraft ausdrücken. Zügel hat jeden Bekass am liebsten in der Stellung gemalt, die der Hund am häufigsten eingenommen haben wird: Versammelt sitzend, Gesicht und Blick scheinbar auf den Betrachter des Bildes, tatsächlich aber auf den Herrn und Porträtisten gerichtet. So werden die Hunde der Bekass-Dynastie auch im Atelier gesessen und ihren Dialog mit dem sonst so schwer zugänglichen Zügel geführt haben.

Hunde waren für Zügel lebensnotwendig
Sowohl seine Familie – Zügel hatte vier Kinder, sein Sohn wurde als Tierbildhauer bekannt, seine drei Töchter heirateten Schüler von ihm – wie seine 150 Schüler, von denen nicht wenige internationale Anerkennung erreichen konnten, haben berichtet, dass Zügel ein sehr umsichtiger und fürsorglicher Patriarch war, der sich für alle in seiner Nähe verantwortlich fühlte und auch danach gehandelt hat. Doch zugleich war er sehr verschlossen, in seinem Inneren kaum zugänglich und hat fast nie Gefühle gezeigt – oder konnte sie nicht zeigen – mit einer großen Ausnahme, seinen Hunden. Ihnen gegenüber kannte er weder äußere Gefühllosigkeit oder Unzugänglichkeit, seinen Hunden teilte er sich mit und wartete auf ihre Antworten. Er hat nie vergeblich gewartet. Hunde sind Meister darin, die „nonverbale Sprache“ der Menschen zu deuten, die sie kennen, am meisten natürlich die ihres Herrn, und auf alles zu antworten, was in ihm vorgeht. Wenn sie wahrnehmen, dass ihr Herr von Dämonen der Erinnerung, des Leides, der Beschädigung, auch des Hasses verfolgt wird, bekommen es diese Dämonen mit seinem Hund zu tun, der weiß, wie er ihnen begegnen muss. Zügel hat seine Bekass-Hunde, andere auch, so porträtiert, wie sie ihre Dialoge mit ihm geführt haben.

Vor 50 Jahren hat der englische Sozialhistoriker Geoffrey Gorer seine im Grunde noch heute sensationelle Deutung des Todestabus der Gegenwart veröffentlicht: „The pornography of the death“ – „Die Pornographie des Todes“. Heute müsste er den Titel wählen: „ The pornography of the emotions“ – „Die Pornographie der Gefühle“, so dicht ist das Gefühls- und vor allem das Gefühlsäußerungsverbot heute geworden. Zügel war eines seiner frühen Opfer, nur für und bei seinen Hunden nicht. Sie haben ihm durch ihre Rolle als Dialog- und Lebenspartner seine Gestaltungsfähigkeit bis ins höchste Alter erhalten. So gesehen erweist sich Zügel als „hochmodern“: Ohne die Tiere, namentlich die Hunde, wären vielleicht schon 50% der Europäer psychisch so krank, dass sie nicht mehr dauernd arbeitsfähig sind, wie die EU-Kommission es für 27 % von ihnen bereits festgestellt hat. Hunde können im Wortsinne lebensnotwendig sein, bei Zügel waren sie es.

Stets unvollendete Beziehung
Zugleich zeigt sich der Maler durch die Bildung seiner „Bekass-Hundedynastie“ auch als Teil des magischen Lebens- und Überlebensverständnisses der Antike. Ein Bekass folgt dem anderen, wenn die Flucht der Jahre den einen Hund mitgenommen hat, folgt ihm der nächste und ist zugleich der vorherige. Zügel hat das mit der Bildung seiner Hundedynastie vortrefflich zum Ausdruck gebracht. Beim Dialog mit seinem Hund ist es für den Menschen ähnlich wie mit der „Unvollendeten“ von Franz Schubert: Sie ist unvollendet in sich selber, man meint, die Tonfolge geht immer weiter, so wie der Dialog mit seinem Hund, der sich mit jedem neuen Hund immer wieder neu verwirklicht. Zügel hat das gemalt.



WUFF STELLT VOR


Der Autor

Dr. Ing. Dr. rer. pol. Dietmar Stutzer war früher Wirtschaftspublizist und EU-Mitarbeiter und ist jetzt freier Wissenschafts- und Kulturpublizist.

Aus WUFF-Ausgabe 2006-07