Indische Wolfskinder

Dichtung und Wahrheit

… „Wie winzig! Wie nackt und - wie tapfer!" sagte Mutter Wolf sanft. Der Kleine drängte die Wolfsjungen beiseite, um dicht an das warme Fell der Mutter zu gelangen. „Ahai, er sucht seine Nahrung ganz wie die anderen. Das also ist ein Menschenjunges! Sag, hat sich je eine Wölfin rühmen können, ein Menschenjunges unter ihren Kindern zu haben?" „Hier und dort hörte ich davon, doch niemals in unserem Rudel oder zu meiner Zeit", antwortete Vater Wolf … Rudyard Kipling (1895)

Mit zu den schönsten Tiergeschichten, die je geschrieben worden sind, gehört Kiplings „Dschungelbuch" - unvergesslich die Gestalt des kleinen Inders Mogli, der - von seinen Eltern im Dschungel allein zurückgelassen - von einem Wolfsrudel aufgezogen wird. Berichte von „Wolfskindern" gehören schon seit Jahrhunderten zu den immer wieder erzählten Geschichten in Indien. Auch hierzulande tauchen sie - neben der schottischen „Nessie", dem Yeti, dem Fluch des Pharaos und den Ufos - immer wieder in der Boulevardpresse auf. Verbrämt mit einem pseudowissenschaftlichen Mäntelchen werden Fabeln dieser Art ebenfalls als „Kryptozoologie" verkauft und ziehen Millionen Leser in ihren Bann. Was ist aber dran an diesen Gerüchten? Können Kleinkinder unter bestimmten Bedingungen ohne menschliche Fürsorge in der Wildnis überleben, aufgezogen von beispielsweise einem Wolfsrudel?

Keine Ammenaufzucht in freier Natur
Regelmäßig erscheinen in den Zeitungen auch Fotos, auf denen eine riesige Dogge eine kleine Katze adoptiert hat und säugt oder das die Ratte aufziehende Kaninchen. Unter Säugetieren gibt es aber Mechanismen, die in der freien Natur das Aufziehen von Jungtieren einer Art durch eine andere Ammentierart verhindern. In praktisch allen bekannt gewordenen Fällen (die tatsächlich nicht mehr zählbar sind) geschieht dies nur bei Tieren, die in der Obhut des Menschen leben. Besonders aus Indien mehren sich die Berichte von Wolfskindern, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Europa bekannt wurden. Einem Bericht von 1858 zufolge seien jährlich in Britisch-Indien einige Tausend Kinder von Wölfen geraubt worden, und der Autor, ein gewisser Sir Sleeman, vermerkt weiter, dass man nie von erwachsenen Wolfsmenschen gehört habe, da die von Wölfen aufgezogenen Kinder vermutlich an Entbehrungen gestorben oder von anderen Wölfen, vielleicht auch Tigern, getötet wurden.

Aus dritter Hand
Auffallend ist bei praktisch allen Berichten über diese Wolfskinder, dass der jeweilige Autor bei deren Auftauchen selbst nicht dabei war, also „Berichte aus dritter Hand", und deshalb auch nicht die tierischen „Zieheltern" mit eigenen Augen gesehen hat. Einzige Ausnahme bilden hierbei die Tagebuchaufzeichnungen über „Die Wolfskinder von Midnapore" eines Missionars J.L.A. Singh aus den 1920er Jahren, der darin aber nur betont, dass zwei Mädchen im Alter von ca. anderthalb und acht Jahren mit Wölfen in einer Wolfshöhle gefunden worden seien. Diese Mädchen sollen wölfische Merkmale und Verhaltensweisen aufgewiesen haben, so u.a.: Ihre Augen „leuchteten" während der Nacht, sie liefen auf allen Vieren äußerst behende, sie schlappten Wasser mit der Zunge auf, sie hechelten bei Hitze und witterten Fleisch und Aas. Gerade die detaillierte Schilderung dieser Merkmale macht aber stutzig. So gibt es bei vielen nachtaktiven Tieren eine besondere Zellschicht auf der Netzhaut, das Tapetum lucidum, das den betreffenden Tieren eine bessere Ausnutzung des spärlichen Lichtes während der Nacht ermöglicht (wodurch die Augen „leuchtend" aussehen) - aber es ist nicht vorstellbar, dass sich diese Zellschicht bei einem Menschen ausbildet, weil er mit Wölfen zusammen lebt.

In Indien früher häufig Mädchen ausgesetzt
In Indien wurden schon immer Kinder, vor allem Mädchen ausgesetzt. Es ist zwar möglich, dass ein solches Kind in eine Wolfshöhle gerät und nicht sofort getötet wird, dennoch kann von einem langfristigen Überleben dieser bedauernswerten Kinder keine Rede sein. Immer wieder beschriebene körperliche Adaptationen an das wölfische Leben sind wohl am ehesten mit angeborenen Behinderungen und Deformationen zu erklären. Auch aus unseren Nervenkliniken wissen wir, dass bestimmte Geisteskranke wie Wölfe heulen - ohne dass man sie je mit diesen Tieren in Verbindung gebracht hätte! Bernhard Grzimek kommentiert: „ … Diese so genannten Wolfskinder unterscheiden sich in nichts von armen jugendlichen Insassen unserer Irrenanstalten, lediglich die unverbürgte Vorgeschichte, dass sie von Wölfen aufgezogen sein sollen, macht sie für die sensationslüsterne Öffentlichkeit interessant. …"

Gänzlich unglaubwürdig und unmöglich wird es dann aber, wenn behauptet wird, Wölfinnen hatten gemeinsam mit ihren Welpen Menschenbabys gesäugt und großgezogen. Sehen wir uns die frühe Lebensgeschichte eines Wolfes doch einmal an: In den ersten zwei Lebenswochen - allgemein treffend als „Vegetative Phase" bezeichnet - beobachten wir bei den Wolfswelpen einige Bewegungsweisen, von denen die wichtigsten das Strampeln, das Kreiskriechen mit dem „Suchpendeln" des Kopfes, Fellbohren, Milchtritt, Abstemmen mit den Hinterbeinen und das Leck-Saugen sind. Das Kreiskriechen z.B. verhindert, dass die Welpen sich allzu weit vom Lager der Mutter entfernen; durch das Fellbohren schiebt er seine Nase unter die mütterlichen Haare, um die Zitzen zu finden. Beim Saugen selbst stemmt der Welpe sich mit den Hinterbeinen am Boden ab, um die Zitzen nicht zu verlieren und um mit dem Kopf kräftig gegen das Gesäuge stoßen zu können. Ebenso „pfötelt" er alternierend mit beiden Vorderpfoten, um zusätzlich die Milchproduktion anzuregen. Oberstes Ziel für den Welpen in dieser „Vegetativen Phase" ist das Überleben, und er konzentriert all seine Energie in Gewichtszunahme und Wachstum. Wärme und Nahrung sind die wichtigsten Dinge für den kleinen Wolf, und beides bekommt er reichlich von seiner Mutter.

Soziale Verhaltensweisen wie Aggression, Unterwerfung oder Dominanz sind während der ersten zwei Lebenswochen biologisch noch nicht sinnvoll und körperlich nicht machbar, daher in dieser Zeit auch noch nicht zu beobachten. Die dem Welpen angewölften Verhaltensweisen der ersten beiden Lebenswochen entstammen alle dem Zwischenhirn. Zeigt ein Welpe in seinen frühen Entwicklungsphasen Verhaltensanomalien oder aber lebenswichtige Reaktionen nicht in der gewünschten d.h. altersgemäßen Ausprägung, so ist dies meist ein Zeichen dafür, dass die späteren Leistungen des Großhirns gestört sein werden. In solchen Fällen kann es bei Wölfen (auch bei Hunden unter ungestörten Bedingungen und naturnahen Verhältnissen) zur Welpentötung kommen. Dies geschieht vollkommen ohne Anzeichen von Aggression, und zwar in vielen Fällen schon relativ kurz nach der Geburt. So wird verhindert, dass genetische Defekte weiter vererbt werden.

Menschenbaby kann nicht überleben
Bei der im Alter von wenigen Wochen einsetzenden Sozialisierungsphase beginnen die Welpen eines Wurfes, kräftig zu raufen und sich mit ihren nadelspitzen Milchzähnen gegenseitig zu bearbeiten. Welche Chancen hat hier ein dünnhäutiger Säugling, diese Spiele unbeschadet zu überstehen? Man kann sich folglich leicht ausmalen, welche Überlebenschancen ein menschlicher Säugling in dem Wurflager einer Wölfin hätte, die nach einem Welpentest ihre eigenen Welpen umbringt, wenn sie beispielsweise nicht mit der erwarteten Intensität bestimmte Verhaltensmuster zeigen oder wenn diese gänzlich fehlen. Hiervon abgesehen, sind Menschenbabys lange Zeit von geeigneter Nahrung, im Normalfall der Muttermilch, abhängig. Die Wolfsfähe produziert aber nur 10 bis maximal 12 Wochen Milch. Ob nach dieser Zeit ein kleines Baby mit der Nahrung der Wolfswelpen - vorverdautes und vorgewürgtes Fleisch - zufriedengestellt werden kann, ist völlig undenkbar. Interessant auch die Frage, was mit dem Menschenkind bei der nächsten Ranz passieren könnte. Wenn auch ebenso unmöglich und deshalb nie nachprüfbar belegt, so ist es doch schon eher zumindest vorstellbar, dass eine Affenmutter (Bonobo, Schimpanse, Gorilla) ein Menschenbaby als ihr eigenes annimmt und in der Wildnis Afrikas aufzieht - der kleine „Tarzan" lässt grüßen … Bei Wölfen ist dies - trotz aller Geschichten und Gerüchte - schon rein medizinisch ausgeschlossen.



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Warum sollten Menschen hecheln?

Alle Caniden nehmen Flüssigkeit zu sich, indem sie das Wasser mit ihrer langen Zunge emporschnellen - dem Menschen ist dies aufgrund seiner relativ kurzen Zunge und dem nicht schnauzenartig verlängerten Mund nicht möglich. Hunde haben keine Schweißdrüsen, sondern sie kühlen sich durch Hecheln ab; der Mensch verschafft sich Linderung durch die Verdunstungskälte des Schweißes aus Tausenden von auf seiner Haut verteilten Poren. Es ist daher unerklärlich, warum bei Hitze ein Mensch zu hecheln beginnen soll.

Die menschlichen Gliedmaßen sind für den aufrechten Gang ausgebildet - ein Laufen auf allen Vieren ist, wie jeder leicht selbst feststellen kann, äußerst ungelenk, langsam und ermüdend, auch für die Nackenmuskulatur. Eine vierfüßige Fortbewegung des Menschen erfolgt - wenn überhaupt - auf den gesamten Handflächen und den Knien, wie wir es bei Kindern im Krabbelalter beobachten können. Ein für die Caniden typischer Zehengang ist aus anatomischen Gründen folglich für den Menschen nicht möglich.


 

Aus WUFF-Ausgabe 2003-02