Nick – Ein Faible für schlimme Jungs …

Das Erste, was ich von Nick sah, war eine Galerie perlweißer Zähne. Der Hund dahinter hatte den Ernst seiner Lage begriffen und eine Pflegerin gebissen. Nick, ein Sennenhund-Schäfermischling, war seinem Pädagogen-Herrl im Laufe der Entwicklung vom Hundebaby zum adoleszenten Machorüden über den Kopf gewachsen. Als Herrchen Angst bekam, musste Hund weg. Fröhlich war Nick ins Auto gestiegen und mit ins Tierheim gefahren, wohl in der Annahme, es handle sich um einen Ausflug. Doch in das ihm zugedachte Gehege wollte er partout nicht, und die Pflegerin bezahlte ihren unglücklichen Versuch, den sieggewohnten Rüden hineinzuzerren, mit einem Biss in den Arm. So lernten Nick und ich uns kennen.

Erste Erfahrungen
Unsere Anfangszeit bestand in gegenseitigem Ignorieren. Ignorieren ist ein guter Weg, sich kennenzulernen, weil kaum Spannungen entstehen und trotzdem der eine sich an die Nähe des anderen gewöhnen kann. Ignorieren kann schneller Vertrauen schaffen als direktes Agieren. Die Mär von der „Alpha-Rolle“ schrumpft schnell zur Lächerlichkeit, wenn das Gegenüber die 30 Kilogrenze überschreitet.
Mehr als zweimal die Woche hatte ich keine Zeit für Nick. Die Bedingungen im alten Tierheim waren sehr ungünstig. Zuerst alle anderen Hunde wegsperren, damit wir ungestört waren von hektischem Gebell, und dann ein wenig Bewegung auf zweihundert Quadratmetern. Nick versuchte zweimal, mich massiv zu „dominieren“, als ich ihm den Rücken zuwandte. Ein ungutes Gefühl, von einem großen Rüden umklammert und festgehalten zu werden, die gut bewaffnete Schnauze in Wangenhöhe. Ich gebe zu, diese beiden Male hat Nick eine Ladung Wasser aus der Spritzpistole abbekommen. Er ließ mich fortan in Ruhe.

Übungen hinter Gitter
Nick lernte schnell. Wie alle Hunde im Heim bekam er sein Futter erst nach dem immer gleichen Ritual. Im Abstand sitzen – und Warten auf das erlösende Komm. Er lernte hinauszugehen, wenn sein Zwinger gereinigt wurde. Anfangs mit Gegroll, nach einigen Wochen anstandslos. Die Körpersprache änderte sich. Ich habe Nick die ersten Monate nur in angespannter Haltung erlebt, Rute hoch aufgerichtet. Kein Wegschauen, kein Ohren nach hinten Legen, kein Abwenden des Blicks, keine Spur von Beschwichtigung. Kein Wunsch nach Körperkontakt, kein Bedürfnis nach Berührung. Sein erstes Halsband legten wir ihm in der Kastrationsnarkose an, verbunden mit einem Stück Metallkette zum Anleinen.

Erster Ausflug
Nick mochte keine Berührung der Kopf- und Halsregion. Erst musste ich die Metallkette durchs Gitter fischen, Leine dran, Türe auf. Der erste Spaziergang war ein Desaster für meine Bandscheiben und wohl auch für Nicks Halswirbel. Ich vertraute inständig der guten Qualität des Lederhalsbandes. Die Ausflüge wurden häufiger. Mittlerweile war Nick bereits ein Jahr bei uns.

Nick, der Zerstörer
Mit intelligenten Hunden ist es wie mit intelligenten Menschen. Sie sind leichter unterfordert und schneller aufmüpfig. Nick zerstörte in seinem Zwingerfrust alles. Keine Decke, kein Spielzeug, kein Kübel, kein Fressnapf, nichts blieb von seinem Zahnwerk verschont. Egal ob Metall, Holz oder Plastik. Einmal, als ich bei ihm im Auslauf saß und in unserer einzigen Hundeenzyklopädie blätterte, machte ich den fatalen Fehler, das Buch für einen Augenblick wegzulegen. Seither fehlt der Umschlag. Doch in meiner Anwesenheit machte er nur wenig kaputt. Wie alle „Zerstörer“ versuchte er nur seinen Frust, seine Verzweiflung, seinen Stress abzubauen. Andere Möglichkeiten hatte er nicht.

Hoffnung neues Tierheim
Im alten Tierheim bewohnte Nick acht Quadratmeter innen und dasselbe draußen. Für einen hochintelligenten, hyperaktiven, großwüchsigen Kerl wie ihn nicht eben optimale Bedingungen. Eine Vergesellschaftung mit einer Hündin kam wegen seines unausgeglichenen Sozialverhaltens und seiner Unkontrollierbarkeit nicht in Frage. Ich sehnte den Tag der Übersiedlung herbei. Ich wusste, Nick würde am meisten von allen von den verbesserten Haltungsbedingungen profitieren.

Alleinsein als Chance
Als im Dezember des Vorjahres alle Vierbeiner schon im neuen Heim lebten, waren nur drei Hunde zurück geblieben. Die Gehegehunde Prinz und Cäsar, die immer im Freien gelebt hatten und als letzte einziehen sollten, und Nick, der „Schwierige“. Plötzlich hatte er ein ganzes Heim für sich, durfte mit mir durch die verwaisten Gänge streifen und mir bei den letzten Zusammenräumarbeiten zusehen. Nick entspannte sich von Tag zu Tag mehr.

50 Quadratmeter Lebensraum
Als einziger „Solist“ durfte Nick ein großes Gruppenzimmer im neuen Heim beziehen. Die ersten Tage zerstörte er keine einzige Decke. Doch zu früh freuen wäre naiv. Nick war einfach zu sehr mit den neuen Eindrücken beschäftigt. Mittlerweile „kaut“ er wieder, doch es ist spürbar besser geworden. Als Alternative zum Zernagen der Holztrennwände im Außenbereich lockt ein Holzstamm in der Mitte …

Futter auf Raten
Was in gut geführten Zoos längst selbstverständlich ist, hilft auch bei einem unterbeschäftigten Hund. Das Futter wird in einem therapeutischen Kautschukspielzeug serviert. Der „Kong“ ist innen hohl, und es erfordert einiges Geschick, den leckeren Inhalt mit der Zunge herauszulöffeln. Bis zu fünf Kongs höhlt Nick täglich aus, manchmal wird die Futtermischung auch in einen Spielwürfel gefüllt.

Motivieren mit Belohnung
Nick lernt schnell und gern. Auf das halbfertige Übungsgelände (2500 Quadratmeter) darf er fast täglich zum Austoben, um überschüssige Energien abzubauen. Dann wird geübt, Altes aufgefrischt, Neues dazugelernt. Komm, Sitz, Platz, Bleib, kein Problem mehr. Leckerlis deponieren und auf Kommando holen, Leckerlis aus der Luft fangen, das macht Spaß, schafft Vertrauen, Entspannung, fordert Konzentration und Koordination. An der langen Fährtenleine wird Komm, Sitz und Bleib auch außerhalb unter Ablenkung geübt. Es funktioniert gut.

Wer geht mit wem?
Nick ist kräftig. Meine Bandscheiben anfällig. Noch ist das Anlegen des Halti kein Thema. Deshalb: Stehenbleiben, Richtung wechseln und das solange hin und zurück, bis der Druck spürbar nachlässt. Zeitraubend, funktioniert aber immer öfter.

Maulkorb als Futterautomat
Nick toleriert bereits Berührungen im Hals- und Ohrenbereich. Er lässt sich streicheln und mühelos an- und ableinen. Oft bekommt er seine Leckerbissen jetzt im Maulkorb serviert. Ganz ohne Scheu taucht er seine Schnauze ein, um sich das Stück Extrawurst zu angeln. Nick soll lernen, das Anlegen des Maulkorbes positiv zu verknüpfen. Nicht Beengung und Einschränkung, sondern Belohnung, schmackhaft machen im wahrsten Sinn des Wortes.

Ruhe finden
Nick begleitet mich im Auto, sicherheitshalber ist das Leinenende festgemacht. Aussteigen, einkaufen gehen, Nick allein im Auto zurücklassen. Anfangs entfernte ich mich nur vorsichtig, ohne meinen Wagen ganz aus den Augen zu lassen. Ich kenne Hunde, die haben Autos innerhalb von fünf Minuten ausgehöhlt. Nicht Nick. Im Auto zerstört er einstweilen nichts.
Wenn wir wieder im Heim ankommen, darf Nick noch einige Zeit mit mir im Videocafe sitzen. Wir schauen uns einen Tierfilm an (Nick schaut wirklich zu), und ich trinke einen Kaffee. Er drückt sich schon an mich, ich streichle ruhig über seine Seite und beobachte sein Ohrenspiel. Beschwichtigungssignale setzt er jetzt gezielt ein. Wir verstehen und respektieren uns.

Ist er es wert?
Warum so viel Gedanken machen wegen eines „schwierigen“ Hundes? Warum so viel Zeit in ein einziges Individuum investieren, wo auch andere Hilfe brauchen? Warum Nick nicht einfach euthanasieren, weil er doch anderen den Platz „versitzt“? Es gibt keine endgültigen Antworten, warum sich jemand für etwas ganz Bestimmtes engagiert. Nick ist sicher eine Herausforderung für mich. Weil er ein starker Hund ist. Weil sein erster Bezugsmensch viel versäumt hat. Weil ich von ihm lerne. Weil es mir Freude macht, seine Fortschritte zu sehen. Weil ich ein Faible für „schlimme Jungs“ habe. Weil er es mir wert ist!



>>> WUFF STELLT VOR


Zeit geben

Das Tierheim Krems ist in seiner Region zur Anlaufstelle geworden, wenn es um die Arbeit mit „schwierigen“ Hunden geht. Nicht allen können wir helfen, dazu ist unsere Einrichtung zu klein, sind unsere Mitarbeiter zu wenig. Doch einige Problemfälle haben wir immer bei uns eingestellt, und Zeit ist für uns kein leeres Wort. Zeit geben hat für jeden eine andere Bedeutung. Manche Hunde brauchen weniger, andere mehr Zeit, um wieder bereit zu sein für ein Zusammenleben mit Menschen oder Tieren. Einige wenige sind sogar Jahre bei uns.

Betreuen, nicht einsperren
In vielen Tierheimen werden „Problemhunde“ euthanasiert. In manchen dürfen sie leben, werden aber lebenslang interniert. Beides ist keine Lösung. Ein Hund, der aufgrund seines Vorlebens Problemverhalten zeigt, ist unter fachgerechter Betreuung meist zu resozialisieren oder mit Artgenossen zu vergesellschaften. Einen Hund mit Problemverhalten in einen Zwinger zu sperren und ihn seinem Schicksal zu überlassen, ist nicht viel besser als der Tod durch die Spritze. Problemverhalten ändert sich nicht durch Wegsperren sondern nur durch gezieltes Training, Beschäftigung und Betreuung. Alles ist möglich.

Ethik im Tierschutz
Der Tod hat viele (Kose-)Namen. Einschläfern, erlösen, in den Hundehimmel schicken … Töten bleibt töten. Nur zu oft werden Hunde euthanasiert, weil Menschen nicht mit ihnen umgehen können, sie missverstehen, sie zu Unrecht verurteilen. Wenn schon das verwarnende Knurren die Todesspritze zur Folge hat, wird Ethik zum Thema. Mehr darüber im nächsten WUFF.




>>> WUFF - HINTERGRUND


Hundeausbildung:
Respekt durch Vertrauen


Respektiert zu werden hat weder mit Gewalt noch mit körperlicher Größe zu tun. Respekt basiert auf Vertrauen, Konsequenz und innerer Sicherheit. Wer von seinem Hund respektiert werden will, muss dafür Leistung zeigen, nicht nur fordern. Ein „Rudelführer“ hat viel mehr Pflichten als Rechte. Gewalt hingegen schafft Angst, doch niemals Akzeptanz. In vielen Hundegruppen sind die Kleinen die „Chefs“. Sie verfügen über natürliche Autorität, Sicherheit und Ausstrahlung. Das ist bei uns Menschen nicht anders. Den eigenen Intellekt anstelle körperlicher Gewalt einzusetzen, um Situationen zu steuern und Verhaltensänderungen herbeizuführen, unterscheidet den guten Hundeführer vom schlechten.


Aus WUFF-Ausgabe 2003-03