Um uns die Sintflut

Hochwasserkatastrophe für Mensch und Tier

Die verheerenden Unwetter im August dieses Jahres brachten nicht nur unsagbares Leid über unzählige Menschen, die in den reißenden Fluten ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Auch für die Tierwelt war die Sintflut eine Zeit des Schreckens. Besonders schlimm traf es Wildtiere, die nicht rechtzeitig flüchten konnten. Sie starben zu Tausenden auf den überschwemmten Wiesen und Feldern. Für Rehe wurden die Wildzäune entlang der überfluteten Straßen zu todbringenden Hindernissen. Vieh, das nicht mehr aus den Ställen befreit werden konnte, ertrank hilflos oder musste ob der ausweglosen Lage notgeschlachtet werden. Überflutete Gehege von Zootieren in Deutschland und Tschechien wurden zu Todesfallen. So mancher Dickhäuter konnte nicht mehr rechtzeitig vor den herandrängenden Wassermassen gerettet werden. Doch auch viele Haustiere wurden zu hilflosen Opfern der Jahrhundertflut.


Kremser Tierheim zwischen Kremsfluss und Donau

Wir waren mitten im Katastrophengebiet von Ostösterreich. Weil unser kleines Tierheim genau zwischen der Hochwasser führenden Donau und dem über die Ufer getretenen Kremsfluss liegt, mussten wir ständig mit einer Überflutung rechnen. Doch nicht der mächtige Donaustrom, gegen den uns ein Damm einigermaßen schützte, verursachte uns größte Sorgen, sondern der ansonsten friedlich dahinplätschernde Kremsbach, der zu einem reißenden Fluß angeschwollen war und einen angrenzenden Stadtteil bereits unter Wasser gesetzt hatte. Unsere Stimmung wurde von Stunde zu Stunde angespannter. Die Wasserpegel stiegen unaufhaltsam, die Regenfälle wurden zu Sturzbächen. Wir begannen in Intervallen Patrouillen zu allen neuralgischen Überflutungsstellen zu fahren. Auch nachts konnte Tierbetreuerin Bibiana, die bei unseren Tieren wohnt, kein Auge zutun. Untertags waren alle gerädert und nervös. Um den Hunden und Katzen den Stress einer Evakuierung zu ersparen, wollten wir so lange wie möglich zuwarten. Währenddessen organisierten wir generalstabsmäßig den Abtransport der Tiere für den Ernstfall.


Ammenhai in Seenot

Mitten in der angespannten Zeit des Bangens und Hoffens erreichte uns Sonntag früh ein verzweifelter Notruf. In einem überfluteten Freizeitcenter nahe Krems war ein Becken geborsten, in dem ein fast ein Meter langer Ammenhai untergebracht war. Der Besitzer des Tieres konnte kein Ersatzbecken auftreiben, das Wasser war schon zu zwei Dritteln ausgeflossen und der Meeresfisch drohte qualvoll zu ersticken. Im ersten Moment schien die Lage aussichtslos, denn selbst wenn wir ein geeignetes Aquarium organisiert hätten, braucht es Tage, das Salzwasser für den Hai aufzubereiten. Als Schutzengel in der Not erwies sich Chefinspektor Rudolf Tomek von der Zollfahndung Wien, für den solche Blitzaktionen tägliche Routine sind. In Windeseile schloss er uns mit dem zuständigen Zoologen Dr. Wolf vom Tiergarten Schönbrunn kurz, der uns beim fachgerechten Abtransport des Haies per Telefon instruierte.


Ein Spannleintuch wurde zur „Hängematte“ umfunktioniert und in einem provisorischen Wassertrog befestigt. Vorsichtig wurde der Ammenhai hineingehoben und mit dem Restwasser aus dem Becken bedeckt. Tierpflegerin Christina verbrachte die Rettungsfahrt nach Wien im Fond des Einsatzfahrzeuges, um den Hai in dieser Position zu halten. Noch bevor der Ammenhai mit seinen Rettern in Schönbrunn eintraf, telefonierte Krone Tierecke-Leiterin Maggie Entenfellner mit dem Zoodirektor von Schönbrunn, Dr. Helmut Pechlaner, der versprach, für das Notquartier des Meeresfisches keinen Euro zu verrechnen! Ein Einsatz, der zeigt, wie Hilfe selbst in scheinbar ausweglosen Situationen möglich wird, wenn Tierfreunde Schulter an Schulter zusammenarbeiten. Der junge Ammenhai hat die Rettungsaktion übrigens unbeschadet überstanden.


Nun doch: Evakuierung der Tiere

Einen Tag nach der Hairettung mussten wir nun selbst die Flucht vor dem Hochwasser antreten. Nachdem die Einsatzkräfte der Feuerwehren uns vor einem weiteren Anstieg der Fluten gewarnt hatten, begannen wir nachmittags mit dem Verladen unserer Tiere. Unzählige Katzentransporter standen schon bereit, um alle Samtpfoten rasch in Sicherheit zu bringen. Tierpflegerin Iris hatte eine leerstehende Wohnung in einem Bauernhof organisiert, wo wir die meisten Miezen und zwei unserer Hunde unterbringen durften. Die Bewohner unseres Katzenzimmers nahm Vorstandsmitglied Hilde bei sich zu Hause auf. Einen Teil unserer Hunde transportierten wir noch in derselben Nacht bei sintflutartigem Regen im Konvoi in die Tierpension Schloss Großau nahe der tschechischen Grenze. Und wir hatten großes Glück, denn bereits eine Stunde nach unserer Abfahrt mussten die Zufahrtstraßen dorthin wegen der verheerenden Überschwemmungen gesperrt werden! Wären wir später dran gewesen, hätten wir die Tierpension nicht mehr erreicht.


In dieser Notsituation halfen spontan viele unserer ehrenamtlichen Spaziergeher, die nicht vom Hochwasser betroffen waren, und nahmen Hunde, Kaninchen und Terrarientiere zu sich nach Hause. Spontan stellten auch zwei Hundesportvereine ihre Übungsplätze für die restlichen Vierbeiner zur Verfügung. Innerhalb kurzer Zeit konnten wir so durch die große Hilfsbereitschaft alle Tiere in Sicherheit bringen.


Ein Terrier reißt aus

Glück im Unglück hatten in jenen Schreckenstagen viele Haustiere, die herrenlos umherirrten und von unserer Tierrettung geborgen wurden. So auch Jack Russell Tommy, der seinen deutschen Besitzern, die in der Wachau urlaubten, an einer Kremser Tankstelle aus dem Auto gesprungen und davongelaufen war. Auf einem der Hundesportplätze fand sich auch für ihn ein trockener Unterschlupf. Seine Leute, inzwischen bereits wieder zuhause in Deutschland, waren überglücklich, als sie hörten, dass ihr Tommy noch lebte. Zwei Tage versuchten sie, mit dem Auto zu uns durchzukommen. Doch viele Autobahnen und Landstraßen waren gesperrt und unpassierbar geworden. Übermüdet, aber glücklich, konnten sie ihren Tommy dann doch noch an einer Autoraststätte in Empfang nehmen, die wir als Treffpunkt vereinbart hatten. Zu unserer Freude wurden bis auf zwei gerettete Miezen alle Findlinge dieser Tage wieder von ihren Besitzern abgeholt.


Zwei Tage Ungewissheit

Zwei Tage mussten wir noch um unser altes Tierheim bangen, dann zogen sich die Wassermassen langsam zurück. Wir hatten vor allem eine Unterspülung des baufälligen Hauses befürchtet. Doch unser Heim war wie durch ein Wunder verschont geblieben! In den kommenden Tagen holten wir alle unsere Vierbeiner zurück nach Hause. In einigen Monaten werden alle in das neue Tierheim übersiedeln, das außerhalb der Hochwassergefahrenzone gebaut wurde!


Happy End für Jenny bei WUFF

Sie erinnern sich vielleicht an die alte Mischlingshündin Jenny, über deren trauriges Schicksal wir schon einmal berichteten (WUFF 5/2002). Sie war mit vierzehn Jahren von ihrer herzlosen Besitzerin ins Tierheim abgeschoben worden und hatte gleich ein zweites Mal Pech. Ihr neues Frauchen, eine ältere Dame, erlitt einen Schlaganfall, und Jenny musste wieder zurück ins Heim. Während der Hochwasserkatastrophe wurde auch Jenny evakuiert und fand ein sicheres Plätzchen in der WUFF-Redaktion. So wie es aussieht, wird das Bürokörbchen, wo immer wieder in Not geratene Hunde ein zwischenzeitliches Zuhause gefunden haben, nun das ihrige bleiben … Weil sich die rüstige Hundeseniorin mit Redaktionshund Toni super versteht und auch dessen Herrchen in Windeseile um ihre Pfoten gewickelt hat, muss sie nicht mehr zurück ins Tierheim. Mit vierzehneinhalb Lenzen hat Jenny endlich ihr Zuhause gefunden!


Gemeinsam stark in der Not

Viele haben geholfen, als wir in Not waren. Gemeinsam konnten wir unsere Tiere vor der drohenden Katastrophe bewahren. Danke an alle, die da waren, als unsere Tiere Hilfe brauchten: Unsere ehrenamtlichen Helfer und Spaziergeher, die Tierpension Schloss Großau, die uns für den Aufenthalt unserer Hunde kaum etwas verrechnete, der Hundesportverein Wachau, Georg Sticha vom 1. Österr. Hundeausbildungs- und Problemhunde-Therapiezentrum in Langenzersdorf, der Hundeschursalon Tieroase in Langenzersdorf, der nicht nur einige Hunde beherbergte, sondern gleich badete und trimmte. Danke den Tierbetreuerinnen Iris, Bibiana und Christina und dem Team des Kremser Tierheims Hilde, Susanne, Martina und Gerald für ihren persönlichen Einsatz. Danke auch an Maggie Entenfellner von der Kronenzeitung und die Firma Eukanuba für die großzügige Futterspende!


Abschied von einem alten Freund

Nur wenige Tage, nachdem wir unsere Tiere ins Heim zurückgeholt hatten, mussten wir uns von einem unserer „Gnadenbrothunde“ für immer verabschieden. Unser zwölfjähriger Waldemar, der acht Jahre bei uns gelebt hatte, schien vor der Evakuierung plötzlich unter akuten Herzproblemen zu leiden. Nichts Außergewöhnliches für einen Hundesenior, dachten wir. Doch leider wurde Waldemar trotz Behandlung von Tag zu Tag zusehends schwächer. Ein Röntgenbild offenbarte schließlich die Ursache: Krebs. Nach einem schönen gemeinsamen Vormittag, an dem Waldemar mich im Auto begleitete (er fuhr immer so gerne mit), haben wir ihn ruhig auf seiner Decke im Fond einschlafen lassen. Den Umzug ins neue Tierheim kann unser alter Waldemar nicht mehr miterleben. Doch in unseren Herzen ist er immer dabei. Leb’ wohl, mein lieber Freund!

Aus WUFF-Ausgabe 2002-10